Die moderne Wissenschaft hat unser Weltbild geprägt und beispiellose Fortschritte ermöglicht. Doch Rupert Sheldrake argumentiert in Der Wissenschaftswahn, dass der Materialismus zu einer dogmatischen Ideologie erstarrt sei, die alternative Erklärungsansätze ausgrenzt. Er fordert eine Erweiterung des wissenschaftlichen Paradigmas, um Phänomene wie Bewusstsein und kollektives Gedächtnis besser zu verstehen.
Sheldrake studierte Biologie in Cambridge und Harvard und lehrte danach u.a. an der Royal Society. Er hatte eine steile Wissenschaftskarriere hingelegt – bis er den „Fehler“ beging über den Tellerrand des etablierten Wissenschaftsbetriebs zu blicken.
Sein Vorwurf: Die Begrenzung der Forschung nach dem Motto „Es kann nicht sein, was in der materialistischen Wissenschaftsideologie nicht sein darf.“
Er kritisierte das etablierte Wissenschaftsmodell und warf ihm vor, in der eigenen Ideologie gefangen zu sein und nicht frei über das Dogma des Materialismus hinaus zu forschen.
Der materialistische Ansatz basiert auf der Annahme, dass alles Existierende auf Materie und Energie reduzierbar ist. Dies führte zu bedeutenden Erfolgen: In der Medizin ermöglichten biochemische Analysen die Entwicklung von Antibiotika, die Millionen von Leben retteten. In der Physik führte das mechanistische Weltbild zur Quantenmechanik und Relativitätstheorie, die revolutionäre Technologien wie GPS oder moderne Computer erst möglich machten. Die Evolutionstheorie erklärte erstmals auf wissenschaftlicher Basis die Entstehung des Lebens.
Doch Sheldrake kritisiert, dass diese Sichtweise zentrale Fragen unbeantwortet lässt. Das „harte Problem des Bewusstseins“ bleibt ungelöst: Wie entstehen subjektive Erfahrungen aus neuronalen Prozessen?
Ebenso ist die Entstehung von Leben weiterhin eine offene Frage, da sich komplexe, selbstorganisierende Systeme nicht allein durch zufällige biochemische Reaktionen erklären lassen. Dazu gibt es jede Menge reproduzierbare Versuchsanordnungen, die nicht erklärbare Phänomene zeigen und die etablierte Wissenschaft vor umfassende Rätsel stellt.
Eine ideologiefreie Wissenschaft müsste sagen: „Aha. OK. Da gibt es etwas, das wir nicht verstehen. Das wollen wir beforschen.“ Weil sich diese Phänomene aber konventionell / materialistisch nicht erklären lassen, regiert sie Wissenschaft ideologisch: “ Was? Nein! Wir haben nichts gesehen. Da ist nichts.“
Naturgesetze werden als unveränderlich betrachtet, obwohl Systeme auf höherer Organisationsebene Eigenschaften zeigen, die aus ihren Einzelteilen nicht ableitbar sind (z.B. Quantenphysik).
Sheldrakes Konzept der morphischen Felder erweitert die systemtheoretische Sichtweise und postuliert, dass Naturprozesse nicht nur durch materielle Wechselwirkungen bestimmt werden, sondern auch durch eine Art kollektives Gedächtnis. Dies hat Parallelen zur Theorie komplexer Systeme, die besagt, dass emergente Phänomene – etwa Bewusstsein oder Evolution – nicht durch Reduktion auf Einzelteile verstehbar sind. So zeigt die Systemtheorie, dass belebte Systeme Autopoiese betreiben, also sich selbst erschaffen und erhalten, ohne auf externe Steuerung angewiesen zu sein. Genau hier setzt Sheldrakes Idee an: Er behauptet, dass Organismen nicht nur genetische Informationen weitergeben, sondern auch auf ein nicht-materielles „Gedächtnis“ zurückgreifen, das evolutionäre Muster speichert.
Sheldrake fordert eine Wissenschaft, die sich nicht durch materialistische Dogmen begrenzt, sondern neue Denkmodelle zulässt – um sie zu überprüfen. In der Biologie könnte dies bedeuten, dass genetische Informationen nicht allein die Entwicklung eines Organismus bestimmen, sondern dass epigenetische und möglicherweise nicht-materielle Faktoren eine Rolle spielen.
In der Bewusstseinsforschung könne das Gehirn nicht nur als Ursache, sondern auch als Empfangsorgan für ein größeres Bewusstseinsfeld verstanden werden. Die Systemtheorie weist ebenfalls darauf hin, dass emergente Phänomene nicht durch einzelne Bausteine erklärbar sind – ein Gedanke, der Sheldrakes Ansatz stützt.
Sheldrake zeigt die Schwächen des Materialismus auf und schlägt vor, Wissenschaft als offenes, dynamisches System zu begreifen – ein Ansatz, der sich mit der Systemtheorie deckt. Bewusstsein, Evolution und Naturgesetze sollten nicht als rein mechanistische Prozesse verstanden werden, sondern als emergente Phänomene, die sich innerhalb eines universellen Informationsfeldes entwickeln. Anstatt Wissenschaft als abgeschlossene Weltanschauung zu betrachten, plädiert er für eine Erweiterung des Forschungsfeldes, um neue Erkenntnisse über die nicht-reduzierbaren Aspekte der Realität zu gewinnen.